Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B3

Zwischen Stuck und Schulbänken

Zwischen Stuck und Schulbänken im Schloss Crossen

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B20

An einem sonnigen Spätnachmittag im April war ich mit meiner Fotogruppe, den Bieblacher Fotofreunden, unterwegs. Wir hatten uns für eine Führung durch das Schloss Crossen in Thüringen angemeldet. Ein Mitglied unserer Gruppe hatte organisiert das uns der Bürgermeister der Stadt, Herr Uwe Berndt, persönlich durch das Schloss führt. Gespannt warteten wir auf den Mann, der uns Tür und Tor öffnen würde.

In einem großen Saal des Schlosses, so hieß es, soll ein einzigartiges Kunstwerk schlummern. Diesen verborgenen Schatz mit unseren Kameras einzufangen, war unser Ziel. Die Akkus waren geladen, die Stative geschultert und wir voller Erwartungen. 

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B21

Punkt 17 Uhr fuhren wir in den Äußeren Schlosshof.  Wir stellten unsere Autos vor dem ehemaligen Wirtschaftsgebäude ab und versammelten uns zwischen den beiden Kavaliershäusern, die den Schlosshof begrenzen. Auf den ersten Blick erschien mir die Schlossanlage ziemlich schmucklos. Die frisch gepflanzten Stiefmütterchen konnten diesen Eindruck leider auch nicht beschönigen.
Ich konnte den Verfall, den der jahrzehntelange Leerstand in den alten Mauern hinterlassen hat, überall deutlich erkennen.
Doch Fotografen schreckt so etwas bekanntlich nicht ab, und noch ehe der Bürgermeister zur offiziellen Begrüßung  kam, klickten schon die ersten Auslöser unserer Fotoapparate.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B1

Ein weißer runder Burgfried stand direkt vor uns und erhob sich majestätisch gegen den fast wolkenlosen Himmel. Dieser Fried, der nun eine Turmuhr und zwei Glocken beherbergt, ist das einzig erhaltene Bauwerk aus den Zeiten, als das Schloss Crossen noch eine Burg war. Damals, im 10. Jahrhundert, als die Geschichte von Schloss Crossen begann.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B7

Doch keine Angst, ich werde euch jetzt nicht mit chronologisch geordneten Fakten aus der langen Geschichte des Schlosses überschütten. Mein Anliegen mit dieser Fotogeschichte ist ein ganz anderes. Ich möchte euch neugierig machen auf dieses Schloss und ich möchte euch vor allem für die Zukunft von Schloss Crossen sensibilisieren. Doch dazu später mehr.

*

Unsere Führung begann im Inneren Schlosshof hinter dem Bergfried.  Bürgermeister Berndt beobachtete unser emsiges Fotografieren und bemerkte dann lächelnd: „Ich sehe schon, die üblichen 2 Stunden einer Führung werden bei euch wohl nicht ausreichen. Dann lasst uns mal Tempo machen, wenn ihr alles sehen wollt. “
Nach dem Entsichern der Alarmanlage öffnete der Bürgermeister die Tür zum Nordflügel und schon ging es los.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B14

Er bat uns, unbedingt zusammen zu bleiben und bestimmte schnell einen „letzten Mann“, der in allen durchlaufenen Zimmern die Türen wieder schließt. „In den vielen Gängen und Räumlichkeiten kann man schnell die Orientierung verlieren!“, meinte Herr Berndt trocken und schmunzelte. „ Ein gewisser Schwund ist immer eingerechnet!“
Ich wollte das in dem Moment nicht so recht glauben, auf mich wirkte der Aufbau der Schlossanlage einfach strukturiert. Wie sehr ich mich darin getäuscht hatte, zeigte sich schon wenig später.

An dieser Stelle muss ich jetzt doch kurz geschichtlich einfügen, dass das Schloss Crossen in seiner letzten Funktion als Institut zur Lehrerausbildung genutzt wurde. Das war uns Fotografen völlig neu und so überraschten uns Räumlichkeiten, die einen regulären Schulbetrieb widerspiegelten. Wir durchliefen verschiedene Klassenzimmer, zum Beispiel einen Raum für Kunsterziehung und einen Raum, der als kleiner Saal für Theateraufführungen genutzt wurde.

Und noch etwas muss ich hier einfügen, das mit dem „ Tempo machen“ hatte der Bürgermeister wörtlich gemeint.

„Wo ist unser letzte Mann? Türen schließen und weiter geht’s !“

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B9

Manche Räume waren völlig leer geräumt und nur mit Hilfe Herr Berndts interessanten Ausführungen entstanden Bilder vor unseren geistigen Augen. In anderen Zimmers dagegen befand sich ein buntes Sammelsurium an Gegenständen, die ihre eigene Geschichte erzählten. Wir wollten am liebsten alles fotografieren, aber ihr könnt euch vorstellen, wenn 11 Fotografen gleichzeitig einen einzigen Raum ins Visier nehmen wollen, dann braucht das Zeit.
Und um uns wirklich alles zu zeigen, blieb dem Bürgermeister deshalb gar nichts weiter übrig, als das Tempo der Schlossführung zu erhöhen.
„Wo ist der letzte Mann? Aha….da! Also Türen zu und weiter!“

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B6

Die nächste Runde führte uns tiefer ins Schloss, in das Kellergewölbe. Herr Berndt entriegelte eine schwere Metalltür und wir stiegen vorsichtig hinab. In diesem Teil der Schlossführung  kam zur rasanten Geschwindigkeit noch eine weitere Schwierigkeit hinzu, um gute Fotos zu schießen: der Mangel an Licht. Der Bürgermeister hatte uns vorsorglich kleine Taschenlampen in die Hände gedrückt, doch dieses Licht reichte höchstens dazu, ohne zu stolpern einen Fuß vor den anderen zu setzen.
An das Auspacken meines Stativ wagte ich hier nicht zu denken, ich hätte sofort den Anschluss an die Gruppe verpasst.

Mit jedem Schritt wurde es dunkler und die Gänge oft schmal und verwinkelt. Und nach den vielen Hinweisen : „ Achtung, jetzt rechts! Jetzt Links! Vorsicht Kopf! „ und „Vorsicht Stufe!“, musste ich gestehen, dass ich allein niemals wieder aus dem Kellergewölbe herausgefunden hätte.
Aber hier unten war die Vergangenheit in jedem Raum spürbar gewesen. Es gab eine Küche zur Versorgung der Schüler, Speisesäle und sogar einen Raum des damaligen Studentenklubs.
Doch meine fotografischen Gedanken wurden wieder durch einen Ruf unterbrochen:
„Sehe ich unseren letzte Mann? Es geht wieder nach oben…bitte hier entlang!“

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B8

Vom Kellergewölbe wieder nach oben, hieß es erst einmal verschnaufen und aufatmen. In den schlecht belüfteten Räumen hing ein modriger Geruch.
Uns blieb aber nur ein kurzer Blick zum Bergfried hinauf, den wir auch noch besichtigen wollten. Ein, zwei Fotos im Innenhof und dann ging es wieder in den Nordflügel und von dort in den angrenzenden Ostflügel des Schlosses.
Hier wurde es zum Glück heller und irgendwie passte sich unser Tempo allmählich dem des Bürgermeisters an.

„Letzter Mann ?“ Na ja, ihr wisst schon….

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B10

Die Gänge, die jetzt vor uns lagen, hatten schon leicht erkennbar einen barocken Charme. Das Schloss Crossen ist übrigens die größte barocke Schlossanlage Thüringens. Wir hatten also noch einiges vor uns.
Die vielen aufeinander folgenden Klassenzimmer machten es mir immer leichter, mir vorzustellen, dass in diesen Schlossmauern jährlich an die 300 Studenten zu Lehrern ausgebildet wurden. Und als der Bürgermeister grinsend die Schulglocke im Lehrerzimmer mehrfach hatte läuten lassen, hatte ich kurz vergessen, das ich in einem Schloss unterwegs bin.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B4

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B11

Dann kam der Zeitpunkt, an dem der Bürgermeister voller Stolz verkündete, dass ab jetzt jeder Raum immer schöner werden würde. In den vielen kunstvollen Stuckornamenten an Decken und Wänden, konnte man noch immer gut erkennen, dass hier ein fürstliches Leben vorrangig war.
Im Musikzimmer zum Beispiel, einem der besterhaltenen Zimmer, kamen wir Fotografen wieder voll auf unsere Kosten.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B13

Mit jedem weiteren Raum wurde aber auch deutlich, dass der Nutzung entsprechend die Restaurierung ihre, oft auch unschönen, Spuren hinterlassen hatte. Alte Heizungsrohre vor kunstvollen Holztüren. Geforderte Waschgelegenheiten, die völlig deplaziert wirken im barocken Ambiente.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B12

Viel Zeit blieb uns leider nicht, um zu beobachten, zu analysieren und fotografisch umzusetzen.
Eineinhalb Stunden waren schon verflogen und wir wollten, möglichst noch bei Sonnenschein, in den Bergfried hinauf.

Auf dem Weg nach oben durchquerten wir einen besonderen Gang. Hier lagen linkerhand Räume, in denen früher Musiker untergebracht waren, die zu großen Bällen musizierten. Rechts waren kleine Fenster, die uns schon einen ersten Blick in das Geheimnis von Schloss Crossen erhaschen ließ. Hier waren wir dem Höhepunkt dieser Schlossführung, dem großen Barocksaal, schon sehr nahe.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B19

Doch wieder wurden wir durch den mittlerweile vertrauter Ruf nach dem letzten Mann von den Fenstern gerissen. Wir folgten der Stimme, hinauf in den Bergfried, um Uhrwerk und die Glocken zu bestaunen.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B14

So schnell wie wir in den Turm aufgestiegen sind, ging es wieder abwärts. Herr Berndt führte uns nun in den Südflügel. Endlich würden wir das einzigartige Schmuckstück von Schloss Crossen sehen.
Im Gang vor dem Barocksaal gab es noch ein paar Erläuterungen, wie das Schloss in die Hände der Gemeinde Crossen gelangte und diese Geschichte ist ebenso abenteuerlich, wie unsere Führung. Doch wir konnten unsere Neugier kam noch zügeln. So kurz vor dem Ziel unserer Fototour war die Spannung förmlich greifbar.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B16

Dann endlich – öffnete der Bürgermeister die großen Türen und wir strömten hinein.

Im Internet ein Foto von diesem Saal zu sehen ist eine Sache, aber mittendrin zu stehen und diese Pracht aufzunehmen eine ganz andere. Ich war überwältigt.

Man kommt sich winzig vor in dieser Pracht, die sich über ganze zwei Stockwerke erstreckt. Und ich konnte nach all dem bisher Gesehenem gar nicht fassen, wie sich in diesen grauen Schlossmauern plötzlich solch ein Kunstwerk vor mir aufbauen konnte. Diese farbenprächtigen Wand- und Deckengemälde gaben mir das Gefühl, in einem neuen, einem anderem Schloss zu stehen. In den detailreichen Szenen öffnete sich direkt über mir ein strahlend blauer Himmel. Es schien mir, als müsste ich nur durch die aufgemalten Torbögen nach draußen wandern und es würden mich weitere Wunder erwarten.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B17

Es war sehr beeindruckend und ich war nicht die Einzige, die ganz still und staunend durch den Saal ging, bevor ich überhaupt zur Kamera greifen konnte. Diese italienische Illussionsmalerei von Giovanni Francesco Marchini aus dem 18. Jahrhundert hatte uns alle schlagartig verzaubert.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B17

Und hier endet nun meine Fotogeschichte vom schlummernden Schatz im Schloss Crossen, denn ich möchte mit diesem kleinen Einblick eure Neugierde kitzeln.
Fahrt einfach selbst dorthin, fragt beim Förderverein der Gemeinde nach einer Führung und lasst euch ebenso entführen, in diese sonderbare Mischung aus Stuck und Schulbänken. Lasst euch von dieser wunderbaren Kunst der Illusionsmalerei berauschen.

*

Nach drei Stunden Schlossführung standen wir alle wieder im Äußeren Schlosshof. Es begann bereits zu dämmern, doch keiner wollte  so richtig weg von diesem Ort. Mit den abschließenden  Worten des Bürgermeisters traten die verschiedensten Zukunftsvisionen, in die er so viel Hoffnung legt, vor unsere Augen. Seine unglaubliche Begeisterung zum Erhalt dieses ganz besonderen Stückchens Heimat war derart ansteckend, das ich selbst augenblicklich die Ärmel hochkrempeln und in den alten Mauern neues Leben schaffen wollte.
Und mit meiner Fotogeschichte möchte ich heute dieses „Ärmelhochkrempeln“ in die Tat umsetzen.

Ich bitte euch, unterstützt dieses großartige Engagement einer Stadt zu Widerbelebung ihres Schlosses. Helft dem Verein Freunde und Förderer des Schlosses Crossen, dem Bürgermeister Uwe Berndt. Mit dem Besuch einer Führung oder Veranstaltung, mit einer Spende oder tragt diese Geschichte einfach weiter. 

Der Glanz von Schloss Crossen darf nicht versteckt hinter grauen Mauern bleiben.

Schloss Crossen - Fotografie Silvia Bürger-B18

Als wir endgültig vom Schlosshof fahren, bleibt ein Mann zurück. Bürgermeister Berndt – unser letzter Mann. Mit seinen Träumen von einer öffentlichen Nutzung, von Festen und Ausstellungen im Schloss, von einer großen Terrasse am Schlosscafe, in einem der Kavaliershäuser, mit Blick über das Elstertal und vielem mehr. Er steht im Hof und schließt nach uns das große schmiedeeiserne Tor.

Ich habe größte Achtung vor Menschen mit solch leidenschaftlichem Engagement und ich hoffe sehr, das ich den ein oder anderen Leser von euch mit dieser Fotogeschichte für das Schloss Crossen gewinnen konnte.

Mit lieben Grüßen

silvia bürger-fotografie

Weitere Fotogeschichten über eine Buntfärberei zum Beispiel oder einer Schraubenfabrik findest du in den angezeigten Links. Viel Spaß beim Lesen.

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