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Zwischen Himmel und Erde

Zwischen Himmel und Erde


 Zwischen Himmel und Erde gibt es viele Wege.

Es gibt schöne Wege und weniger schöne, es gibt kurze Wege, leichte und schwere Wege und es gibt Wege, die unendlich lang sind.
Wir sind heute heute einen Weg gegangen, der vieles vom dem war. Unendlich lang, schwer und doch auch schön, weil es für uns der einzige Weg ist, auf dem wir noch zueinander kommen können.

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Es ist Sonntagmorgen und wir laufen durch ein großes schmiedeeiseres Tor. Die Sonne scheint und lässt Wärme vermuten, doch uns weht ein eisklater Wind durch die dicken Jacken. Wir laufen langsam und bedächtig, der alte Mann neben mir bestimmt das Tempo. Jeder Schritt fällt ihm schwer, obwohl er es gut vor mir zu verbergen versucht.  Aber ich kenne ihn genau, weiß um diesen Schmerz, der ihn so zerbrechlich wirken lässt. Ich trage das gleiche leidvolle Gefühl in mir, auch ich versuche es tapfer zu vertuschen. Ich will  ihm eine Stütze sein.
Wir gehen unter Kiefern und Birken unseren Weg, leise flüsternd, von alltäglichen belanglosen Dingen. Das stille Schweigen kommt früh genug. Sonnenstrahlen durchbrechen die dichten Baumreihen und der heftige Wind lässt die Kronen kraftvoll rauschen. Seufzer, denke ich traurig, lange dunkle Seuzfer, die der Himmel schickt.

Dann sind wir am Ende unseres Weges und stehen still beieinander. Wehmut ergreift uns und eine Traurigkeit, die unsere Schultern mit einer Schwere belastet , die die Worte verstummen lässt und erste Tränen fließen.
Wie durch einen Nebel höre ich, wie der alte Mann leise sagt : „Na, mein Schatz, gefällt es dir?“ Seine Stimme bricht am Ende des Satzes und ich kämpfe schwer gegen den stummen Aufschrei, der mir im Halse steckt.
Er spricht zu seiner geliebten Frau und streicht ihr dabei zärtlich über die sinnbildlich „kalte Schulter“ aus dem neuen zartroten Marmorstein, den wir beide für sie ausgesucht haben.  Die Frage gilt nicht mir, ich beantworte sie ihm aber.
„Ja, es ist wunderschön geworden! So hätte sie es gewollt!“ Er nickt mit feuchten Augen und ich nehme ihn fest in meine Arme.  Es bricht mir fast das Herz, als ich dabei wieder einmal spüre, das er kaum noch zu spüren ist. Der Krebs frisst ihn auf. Ganz langsam.

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Der Wind zieht immer stärker durch die hohen Kiefern und Birken und wir seufzen beide noch einmal aus tiefster Brust, gemeisam mit dem jaulendem Wind. Er ruft: “ Wir vermissen dich so sehr.“
Dann wischen wir uns die Tränen ab und blicken stumm auf die laubbedeckte Erde zu unseren Füssen. Wir halten uns noch einen Moment lang bei den Händen, ehe wir  Verblühtes gegen frisches Grün austauschen. Wir seufzen wieder und wieder und ich bin froh, das Wind aus unserem Kummer ein leises Lied macht und mit sich fort trägt. Dann verabschieden wir uns von dieser Stelle zwischen Himmel und Erde und gehen den langen Weg zurück.
Langsam und bedächtig, der alte Mann neben mir bestimmt das Tempo. Jeder Schritt fällt ihm schwer, obwohl er es gut vor mir zu verbergen versucht.  Aber ich kenne ihn genau, weiß um diesen Schmerz, der ihn so zerbrechlich wirken lässt. Ich trage das gleiche leidvolle Gefühl in mir, auch ich versuche es tapfer zu vertuschen. Ich will ihm eine Stütze sein.

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Zwei Stunden später bringe ich meinen Vater zurück nach Hause. Eine letzte Umarmung , ein letztes Lächeln, das ihm zeigen soll, ich bin für dich da. Wir geben uns beide betont heiter, einer für den anderen wohl. Dann winkt er zaghaft an der Tür,  lächelt mir zu und geht schwankend ins Haus.
Ich frage mich oft, wie er jetzt diese furchtbar einsamen Tage erträgt, die er doch sein Leben lang mit meiner Mutter geteilt hat.

*

Zwischen Himmel und Erde gibt es viele Wege.

Ich habe heute, an diesem Totensonntag, einen weiteren langen, schweren Gang vor mir. Immer noch durchzieht mich eisige Kälte, obwohl ich nun im warmen Auto sitze, auf dem Weg zu einem anderen Ort, einem anderen Friedhof und mir ist klar, die Kälte kommt nicht vom frostigen Wind.  Trauer und Schmerz schütteln mich und ich bin unendlich dankbar, das ich nicht allein bin. Auch jetzt ist  wieder ein Mann an meiner Seite ist, welch unbeschreibliches Glück. Er will jetzt für mich eine Stütze sein und ich empfinde tiefe Dankbarkeit. 
Die Sonne, die so warm und angenehm durch die Autoscheiben dringt, scheint fast surreal. Ich möchte, aber ich kann nicht weinen. Nicht jetzt, denke ich. Nicht hier. Später vielleicht, das geht schon seit Wochen so.

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Wenig später treten wir gemeinsam durch ein weiteres dunkles Tor und ich greife nach der Hand, die mich wie zufällig sanft berührt.

Das Licht wirft auch hier lange Schatten auf die Wiesen und ich höre plötzlich Musik. „Wie damals!“, durchzuckt mich der Gedanke an die Beisetzung meines Bruders und ich sehe eine Gruppe von Musikern, die im Hauptgang des Friedhofs steht. Sie spielt eine sehr ergreifende Melodie. Wenn ich nur weinen könnte…
Nach wenigen Schritten sind wir am Ende unseres Weges, blicken in die vielen frischen roten Rosen auf dem Grab und dann kann ich es nicht mehr aufhalten.  Die Tränen fließen mir endlich über die Wangen, aber es fühlt sich so schrecklich kalt an. Der Wind wird immer stärker und zerrt an mir. Ich weiß, das sich meine Wahrnehmungen mit meinen Emotionen mischen und das ich diese Gefühle zulassen müsste. Ich kann nicht.
Ich suche verzweifelt Zuflucht in den Armen des Mannes, der dicht neben mir steht, aber die Angst, das die Tränen nie mehr aufhören könnten, wenn ich es erst einmal erlaube, lässt sie schnell wieder versiegen und alles was bleibt, ist tiefes schweres Schluchzen. Wir halten uns noch ein paar Augenblicke lang fest in den Armen und dann wische ich mir die Tränen ab.
Nicht jetzt, denke ich. Nicht hier. Später vielleicht…. das geht schon seit Wochen so und hier ist es so unerträglich kalt.

Zwei Orte, zwei Gräber – ein Tag.
Zwei schmerzhafte Verluste in nur einem Jahr.

Das ist in solchen Stunden, mehr als ich ertragen kann….

Ihr Lieben, diese Geschichte hat wenig mit Fotografie und rein garnichts mit Holzbildern zu tun, aber ich musste sie einfach niederschreiben, mir von der Seele. Ich hoffe ihr versteht das. Und ich hoffe die Geschichte lindert meinem Schmerz ein wenig, hilft mir zu verarbeiten, was mit dem Herzen nicht zu verstehen ist.

Es gibt so viele Wege zwischen Himmel und Erde und schon morgen kann ein neuer Weg vor mir liegen. Ein Weg, der schöner, leichter und kürzer ist.

Mit lieben Grüßen

silvia bürger-fotografie

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