Nordseespritzer-Bildergeschichten-Silvia Bürger-gefunden

Nordseespritzer #2

Beim Aufwachen heute morgen begrüßte mich typisch fiesisches Wetter in Husum,  Wind und Regen schlugen gegen die Fenster meiner Ferienwohnung. Mir blieb also, an meinem zweiten Urlaubstag, Zeit für ein ausgedehntes Frühstück.
Dabei ging mir die Frage immer wieder durch Kopf: „Wo finde ich den Nordseestrand?“
Ich will dort das Meer begrüßen,  so wie ich es immer tue, wenn ich im Urlaub bin, mit den Füßen im Sand und Meeresspritzern im Gesicht.

Um eine Antwort auf meine Frage zu erhalten, hatte ich gestern Abend sämtliche Broschüren studiert, die die Urlauber vor mir zurück gelassen hatten. In den bunten Heftchen wurden kleine Fischerdörfer beworben, das Husumer Schloß, etliche Touren für Fahrradliebhaber, weiße Sandstrände und sogar von grünen Stränden war zu lesen. Aber kein Hinweis darauf, wo ich diese Strände finde.

Nordseespritzer-Bildergeschichten-Silvia Bürger-b 12Husumer Schloß

Nach dem Frühstück fiel mir dann eine alte Landkarte in die Hände. Auf der erkannte ich, dass das offene Meer und der Strand in Husum tatsächlich hinter diesen grauen Getreidesilos lag, von denen ich euch schon berichtet habe (Nordseespritzer #1) Und wer nun glaubt, das ich meinem Ziel da schon sehr nahe war, der irrt sich.
Hinter dem Hafen liegt noch eine weit ausgedehnte Landzunge, die Husumer Au. Man findet dort unter anderem den Außenhafen mit Kutterhafen und den Fischmarkt. Eine Schleuse gehört noch dazu, die Wasser im Außen- und Binnenhafen anstaut und erst ganz am Ende der Husumer Au liegt die offenen Nordsee mit einem Strand, wie ich ihn suche.
Aber wenn ich heute den Weg zu den Silos im Hafen wähle, müsste ich wieder die grauen Straßen entlang und an den traurigen Häusern vorbei. Es muss noch einen anderen Weg geben!?  Vom Husumer Grau will ich mir heute meine gute Laune nicht verderben lassen.
An der Ostsee liegt der Strand immer hinter den Deichen, sinniere ich. Also, wenn ich die Deiche finde, finde ich auch den Nordseestrand.

Nach gezielter Deichsuche auf der alte Landkarte, beschließe ich deshalb einen Weg zu nehmen, der mir kürzer und vorallem viel grüner erscheint.


Und nun bin ich mit einem Fahrrad unterwegs. Die Sonne wärmt mir den Rücken, der Himmel zeigt ein paar blaue Fleckchen und ich bin in bester Urlaubslaune. Ich bin also wieder auf der Suche nach einem Strandzugang an der Nordseeküste, aber heute…. heute habe ich habe einen Plan.

Die Radwege sind noch naß vom morgendlichen Regen, doch das stört mich nicht. Als ich an den Ortsrand von Husum komme, wird es hier schon wesentlich grüner. Rechts eine Herde Schafe und links ein kleiner Teich. Die Sonne lässt die winzigen Wellen, die der Wind hinein bläst fröhlich glitzern und ich freue mich schon auf das Glitzern in den großen Nordseewellen.

Voller Schwung trete ich gegen den Wind in die Pedale und radle durch friesische Landschaft.

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Ich fahre parallel zur Hauptstraße, die zwischen Feldern und Wiesen liegt und komme an einer kleinen Siedlung mit alten Fischerhäusern vorbei. Die alten Häuser mit den reetgedeckten Dächern stehen dicht beieinander, als wollten sie sich gegenseitig Schutz gegen den oftmals stürmischen Meereswind bieten. Dieser Abblick verlockt mich, meinen geplanten Weg zu verlassen. Ich mag diese schlichten Backsteinbauten und ihre hüschen Bauerngärten sehr.

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Ich fahre bis an das Dorfende und erkenne in der Ferne tatsächlich einen Erdwall, der einen Deich vermuten lässt. In freudiger Erwartung, hier schon mein Ziel vor Augen zu haben, werde ich immer schneller.
„Aber wo sind die Urlauber, die darauf spazieren?“, frage ich mich, „…zumindest habe ich das von den Ostseedeichen so in Erinnerung!“ Doch je näher ich dem Erdwall komme, da sind keine Menschen zu sehen.

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Ich halte an, hole meine Karte aus dem Rucksack und versuche mich neu zu orientieren. Das ist wirklich ein Deichdamm laut Karte, aber es führt kein Weg hinauf. Das erklärt natürlich die fehlenden Spaziergänger, und fahre mit dem Rad wieder zurück ins Dorf, auf den ursprünglichen Radweg.
Vielleicht befindet sich der Aufgang zum Deich an einer anderen Stelle. Ich radle also weiter und nach ein paar weitere Wiesen entfernt, leuchtet mir ein großes Hinweisschild entgegegen.

„Campingplatz-Lundbergsand“ steht da in roten dicken Buchstaben und mit hüpfendem Herzen erinnere ich mich an ein paar flüchtig gelesene Zeilen von heute morgen. Dort gibt es einen Sandstrand!
Ich fahre in die angezeigte Richtung und erkenne tatsächlich wieder einen Erdwall. Am Fuße des Walls erstreckt sich ein kleiner Zaun und ich sehe, wie ein älterer Herr mit Hund durch ein Holztor den Hügel hinauf läuft. Das muss er sein, der Deich und mein gesuchter Zugang zum Strand. Gleich bin ich am Ziel.
Nachdem ich mein Fahrrad kurz an den Zaun lehne, kann ich auch lesen was auf dem Holztor steht: „Deiche betreten auf eigene Gefahr“. Ein breites Grinsen legt sich auf mein Gesicht, jetzt weiß ich, das ich bin richtig.

Ich lege den Metallriegel des Tores um und schiebe mein Rad die kleine Anhöhe hinauf . Ich bin so schrecklich aufgeregt und voller Anspannung, ich könnte platzen vor Freude. Ich habe das Meer gefunden! Gleich, gleich kann ich es sehen und mein Urlaub kann beginnen.

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Auf dem Deichkamm oben angekommen, ist von Meer aber nichts zu sehen. Zu beiden Seiten des Deiches erstrecken sich endlos grüne Wiesen mit unzähligen Schafen. Und dort wo die Nordseewellen in der Sonne glitzern sollten, befinden sich nur dünne Wasserflächen, die riesigen Pfützen ähneln und die von braunen Buhnensträngen, in unregelmäßige Felder aufgeteilt werden.

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Ich setze mich völlig perplex auf eine Bank zu den Schafen und staune über das was vor mir liegt. Der Nordseewind zerzaust mir meinem Haar, die Schafe blöcken mich an und ich möchte mal eben kurz die Zeit anhalten. Meine Gedanken überschlagen sich, ich bin verwirrt und glücklich zugleich.

Vor mir liegt eine Weite, die ich im Moment in ihrer Größe garnicht erfassen kann und die Wolken, die über mir ziehen, scheinen so nahe zu sein, als könnte ich sie mit den Fingerspitzen berühren, wenn ich mich recke.
Während ich noch versuche diese unermessliche Weite ohne Meerwasser zu begreifen, durchströmt mich berauschendes Adrenalin. Mir wird bewußt, das ich dem Himmel und der Erde nirgendwo näher war, als jetzt hier, in diesem Augenblick.
„Nordsee…“, flüstere ich leise in den Wind, „… ich bin hier! Ich habe dich gefunden.“
Ich sitze auf der Deichspitze, blicke zum Horizont und vor mir liegt nichts außer feuchte Erde, nordfriesisches Watt, denn es ist Ebbe.
Es ist unfassbar, ich bin hier und das Meer ist weg, und … es ist wunderschön! WUNDER SCHÖN!

Nordseeküste-Wattenmeer2-Fotografie Silvia Bürger

Monatelang habe ich auf diesen Moment gewartet, endlich wieder am Meer stehen und beruhigendes Wellenrauschen hören. Das war mein einziger Wunsch, mein Ziel für diesen Urlaub. Und jetzt, wo all das fehlt, erfüllt mich paradoxerweise ein solches Glückshochgefühl, das es mir vor lauter Freude fast den Atem nimmt. Ist das nicht verrückt!?

Tief beeindruckt rolle ich, gefühlte Stunden später, mein Rad den Deichweg herunter. Ich will diesem verschwundenen Meer nahe sein. Die Wellen können meine Füße nicht umspülen, aber ich will es irgendwie anders erfühlen.

Nordseespritzer-Bildergeschichten-Silvia Bürger-bild 5

Ich stelle mein Fahrrad einfach auf den asphaltierten Dammweg und hole die Kamera aus dem Rucksack. Schnell versuche ich in Bildern einzufangen, was da an Eindrücken auf mich einwirkt. Die Schafe, die mir von oben gefolgt sind, interessiert mein Knipsen dann aber doch nicht. Sie heben nur kurz die Köpfe und grasen seelenruhig weiter.

Nordseespritzer-Bildergeschichten-Silvia Bürger-bild 2

Dieser Mix aus schlammiger Erde und Wasserpfützen zieht mich magisch an, und ich wage mich an den Buhnensträngen entlang auch ein ein stückweit hinaus ins Meer. Ich betrete Meeresboden, denke ich ehrfurchtsvoll. Das ist ein so seltsames Gefühl, für das ich keine Worte habe.

Wie kann denn etwas, das nicht da ist, so schön sein.

Ich verliebe mich mit jedem Bild, das ich in der Kamera einfange, ein Stückchen mehr in dieses Watt. Jedes Wasserfleckchen spiegelt die tiefliegenden Wolken in sich wieder. Es kommt mir vor als wetteiferten sie um die Gunst, von mir fotografiert zu werden.
Mein Begrüßungsritual gestaltet sich an der Nordseeküste so ganz anders, als bei meinen bisherigen Urlauben an der Ostsee. Aber von Enttäuschung keine Spur, ganz im Gegenteil, in mir breitet sich eine beruhigende Glückseeligkeit aus und ich weiß in diesen Minuten, wir werden gute Freunde, die Nordsee und ich.

Nordseeküste-Wattenmeer-Fotografie Silvia Bürger

Das Wattenmeer hat so viele Gesichter und ich will sie alle entdecken. Ich bin mit dem Nordseevirus infiziert, seit dem Augenblick, als ich auf dem Deichkamm oben ankam, und der Virus verlangt nach Mee(h)r. Alles was mir in den letzten Stunden dieses Augustnachmittags zu Füßen lag, will ich unbedingt auch bei Flut sehen, wenn das Wasser wiederkehrt.

Und wenn ihr dieses Spektakel auch sehen wollt, dann wartet auf die Meeresspritzer#3.

Ich muss jetzt aber schnell zurück in meine Ferienwohnung und mich dringend mit den Zeiten für Ebbe und Flut beschäftigen, um das Meer zu erwischen, wenn es zurückkommt.

Also bis dahin, mit lieben Grüßen
silvia bürger-fotografie

Weitere Fotogeschichten hier >>> und die Nordseespritzer#1 hier >>>

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