Nordseespritzer-Bildergeschichten-Silvia Bürger-Teil 1

Nordseespritzer #1

Ich will ans Meer zum Strand.

Endlich Urlaub, endlich Meer, endlich an den Strand, denke ich erleichtert, als ich nach stundenlanger Autofahrt meine Taschen in einer gemütlichen Ferienwohnung abstelle. Ich gehe auf die riesige Dachterrasse meiner neuen Wohnung, um an frischer Nordseeluft erstmal die Strapazen der Anreise auszuatmen. Für einen Moment setze ich mich in den Strandkorb, der auf der Terrasse steht und ich nehme die warmen Strahlen, der jetzt schon tiefstehenden Sonne in mich auf.
Es ist später Nachmittag und ich bin in Husum, einer kleinen Hafenstadt des Kreises Nordfriesland in Schleswig-Holstein.

Ein Prospektfoto bunter Giebelhäuser mit norwegischem Charme, unter strahlend blauem Himmel, hatte mein Interesse für diesen Ort geweckt. Kleine farbenfrohe Häuser, die über alte Segelschiffe in einem Hafenbecken wachen.
Dieser Anblick hatte mein Fotografenherz höher schlagen lassen und ich hatte mich in Geiste schon dieses malerische Idyll fotografieren sehen. Die Tatsache, das ich schon oft an der Ostsee, aber noch nie an der Nordseeküste war, hatte meine Entscheidung noch zusätzlich bekräftigt.

Und nun bin hier und ich bin sehr neugierig auf dieses Neuland – die Nordseeküste.

Mit einem kleinen Ritual, das mir bei meinen vielen Ostseebesuchen über die Jahre hinweg zu einer vertrauten Gewohnheit geworden ist, will ich auch heute den Nordseeurlaub beginnen. 
Also heißt es jetzt, kurz nach der Ankunft in Husum : Koffer abstellen und nichts wie schnell zum Strand, ans Meer, um den Wind und die Wellen zu begrüßen.
An der Ostsee war das einfach, vorbei an kleinen Fischerhäusern und nach nur 10 Minuten Fußweg stand ich schon barfuss im Sand und das Wasser umspülte meine Füße.

Ich bin gespannt, wie mich die Nordsee heute empfängt.

Meeresspritzer-Fotografie Silvia Bürger
Mit ist klar, ganz so schnell wird es nicht gehen. Husum selbst liegt etwas landeinwärts in einer Bucht und ich werde wohl etwas länger brauchen, bis ich die ersten Wellen begrüßen kann.

Ich verlasse die kleine Vorstadtsiedlung mit rostroten Backsteinhäusern, in der meine Ferienwohnung liegt und mache mich auf die Suche nach dem Nordseestrand. 
Mein Ziel ist zunächst der Husumer Hafen. Ein Hafen liegt bekanntlich nie weit vom Meer entfernt, aber von dort aus, kann ich sicher schon einen kleinen Blick auf den Strand und die Nordsee werfen. So denke ich mir das zumindest.

Ich folge den Wegweisern, die mich ein paar viel befahrene Straßen entlang durch den Ort führen. Unzählige Autos fahren rasant an mir vorbei und in meiner anfänglich heiteren Urlaubsstimmung empfinde ich diesen Verkehr sehr störend. So hatte ich mir den Begrüßungsspaziergang zum Hafen gar nicht vorgestellt.

An den Straßen stehen hier zwar auch kleine einstöckige Häuser, wie ich sie von der Ostsee kenne, aber durch ihr eintöniges Grau wirken sie abweisend. Sie stehen so dicht beieinander und an die Straßenränder gepresst, dass das laufen, auf den schmalen Fußwegen vor ihnen, zum Balanceakt wird. Es ist kein Platz für kleine grüne Vorgärten oder eine Holzbank die zum Verweilen einlädt.
Es gibt keine schmückenden Blumenkästen vor den Fenster und auch die sind durch den täglichen Zug des Straßenverkehrs trüb und grau.
Empfand ich es vorhin, bei den roten Backsteinhäusern, noch so schön und typisch nordisch, so empfinde ich diese trostlose Ortsansicht, als Urlauber, jetzt doch sehr befremdlich. Diese ganze Szenerie macht mich traurig.

Ich muss an großen Straßenkreuzungen immer wieder die Grünphasen der Ampeln abwarten und der Weg zum Hafen scheint mir immer länger zu werden. Mein heiteres Urlaubsfeeling will sich zwischen all dem hektischen Verkehr nicht wieder einstellen.

„Oh man…meine Suche nach dem Meeresstrand gestaltet sich aber mächtig holprig!“, stöhne ich leise auf, während ich eine weitere Straße überquere. Ich bin enttäuscht.
Habe ich ungewollt noch zu viele schönere Ostsseebilder im meinem Kopf?  Ruft mein Gehirn unterschwellig die alten Bilder ab und vergleicht? War es an der Ostsse da viel nicht idylischer, die Häuser hübscher, das Gras viel grüner und der Straßenverkehr weniger dominat?!

Ich schüttle energisch den Kopf und folge weiter der Beschilderung, die mich zum Hafen und hoffentlich ans Ziel meines Weges führt. Ich will doch nur schnell an den Strand….
Fast trotzig, rede ich mir zu, „Es hier wird bestimmt noch schöner!“
Ich will es einfach, ich habe schließlich Urlaub und Urlaub ist immer schön oder etwa nicht?! War es am Ende doch keine gute Idee dieses Jahr mal an die Nord- statt an die Ostseeküste zu fahren?

Meeresspritzer-Fotografie Silvia Bürger-Bild 1

Die Sonne ist gänzlich hinter einer dichten Wolkendecke verschwunden, als ich endlich den Hafen erreiche. Hier ist es etwas ruhiger und auch die bunten kleinen Giebelhäuser vom Prospektfoto entdecke ich. Doch durch den bewölkten Himmel, der alles farblos wirken lässt,  laden sie mich nicht zum bummeln ein, selbst das Wasser im Hafen wirkt düster. Ich lasse meinen Blick über das Hafenbecken schweifen, schieße ohne große Ambitionen mit dem Handy ein paar Fotos und finde tatsächlich auch ein altes Segelboot. Doch die erhoffte Euphorie stellt sich nicht ein.
Im Gegenteil, ich bemerke nun, das der weite, graue Weg bis hierher mich erschöpft hat.

Meeresspritzer-Fotografie Silvia Bürger-Bild 2
Auch meine Hoffnung irgendwo hinter dem Hafen, den Nordseestrand und das offene Meer zu sehen erfüllt sich nicht. An den riesigen, wieder grauen Getreidesilos die den Außenhafen andeuten, kommt mein Blick nicht vorbei. Traurig gestehe ich mir ein, das meine große Sehnsucht nach Nordseespritzern und Salz auf den Lippen, für heute ungestillt bleibt.
Und nicht nur das, diese Traurigkeit macht mich auch blind für den friesischen Charme des Hafens in der Husumer Bucht.

Vielleicht brauche ich doch erst eine Mütze voll Schlaf, denke ich niedergeschlagen, um morgen dann bereit zu sein, für die Schönheit dieser einer kleinen Nordseestadt.
Der Wind frischt auf und ich laufe langsam die grauen Straßen zurück, an den grauen Häusern ohne bunten Blumenkästen vorbei, zurück in mein Urlaubsquartier.

Ich wollte doch nur schnell zum Strand…

Meeresspritzer-Fotografie Silvia Bürger-Bild 3

Husum die „Graue Stadt-ganz bunt“ steht in einer Broschüre die ich wenig später in der Ferienwohnung finde. Lustlos blättere ich darin herum und lese, das der Verfasser damit die Worte eines Gedichts von Theodor Sturm, aufgreift, dem wohl berühmtesten Einwohners Husums. Und er verbindet dieses GRAU von damals mit dem heutigen BUNTEN Erscheinungsbild der Hafenstadt.

„Graue Stadt-ganz bunt“ ?!

Ich finde diese Wortkonstellation am Abend des ersten Urlaubstag ziemlich seltsam, aber nach dem grauen Weg zum Hafen kann ich den Slogan ein stückweit nachvollziehen… zumindestens das mit dem GRAU.
Und das BUNT ?! Das BUNT will ich morgen dann entdecken und ich will vorallem morgen eines ….ich will ans Meer, an den Strand und ich will, bitte schön, Meeresspritzer auf der Haut spüren und Salz auf den Lippen schmecken.

Also dann…Gute Nacht Husum und bis morgen liebe Nordseeküste.

PS: Und wer wissen will, ob ich den Zugang zum Nordseestrand finde, der kann es bald unter Nordseespritzer #2 erfahren.

Meeresspritzer-Fotografie Silvia Bürger-Bild 4

Mit lieben Grüßen bis dahin
silvia bürger-fotografie