Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 12

Lichterglanz in der Schraubenfabrik

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger


Es ist ein Tag vorm 2. Advent und ich bin mit meiner Bieblacher Fotogruppe unterwegs nach Saalfeld-Graba. Ich bin eigentlich mehr in Weihnachtsstimmung, als in der Stimmung in einem Industriedenkmal irgendwelche technischen Anlagen oder Maschinen zu fotografieren. 
Wir hatten uns in der Gruppe dem Thema Lost Places gewidmet und deshalb ist diese alte Schraubenfabrik des Fabrikanten E. Zehner unser Ziel.
Es ist ein nasskalter und sehr trüber Morgen, als wir uns alle auf den Weg dahin machen.
Wenn ich in das Grau des Himmels schaue, ahne ich schon, das es in der Fabrik kein optimales Licht zum Fotografieren geben wird. Es wird schwierig werden, denke ich.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 18

Wir wissen nicht was uns erwartet, keiner von uns hat diese Fabrik zuvor von innen gesehen. Es wird also ein fotografisches Blinddate.
Alle Mitglieder der Gruppe freuen sich darauf,  sind neugierig und sehr gespannt und nur ich (so scheint es ) bin noch viel zu müde, um mir Gedanken darüber zu machen, wie ich rostige alte Schrauben perfekt in Szene setzen könnte. 
„Alte Schrauben!?“, denke ich pragmatisch, während ich auf der Fahrt dorthin überall Anzeichen dafür entdecke, das es bald weihnachtet. Das Fest kommt, wie jedes Jahr. Mit lustigen Weihnachtsmännern an Hauswänden, mit Schwippbögen in den Fenstern und viel Kerzenlicht.

In meinem Kopf vermischen sich die Gedanken von schnöden Schrauben, schmierigen Messingspänen und dem Lichterglanz der Vorweihnachtszeit. „Oh man, das kann ja was werden!?“ seufze ich in mich hinein.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 21

Im Ort angekommen, fahre ich erst einmal am Fabrikgebäude vorbei, denn irgendwie sieht die Fabrik garnicht wie Farbrik aus und es steht auch nicht dran. 
Ich erahne es mehr, das ich am Ziel bin, als das ich es dem schlichten Klinkerbau ansehen könnte.  Ein paar Freunde von mir sind schon drin und kommen mir freudestrahlend entgegen. „Das ist der Hammer, da drinnen! Eine wahre Schatzkiste!“ ruft mir einer der Fotografen zu. Er strahlt übers ganze Gesicht und hat schon weihnachtlichem Glanz in den Augen. Er meint dann auch, ich sollte doch erstmal vor dem Eingang der Farbrik bleiben und auf den Rest der Truppe warten, damit wir dann das große AHHHH und OHHH alle gemeinsam erleben können.
Das macht mich dann doch eher neugierig, meine Müdigkeit schwindet und das Knipseradrenalin steigt. Und….ich warte natürlich nicht vor dem Eingang!

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 34
Es ist geöffnet und das will ich sehen, jetzt und sofort! Und was soll ich euch sagen, als ich in den ersten kleinen Vorraum der Schraubenfabrik trete, strahlen auch meine Augen weihnachtlich. Es ist der Raum des ehemaligen Kontors.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 9

Hier, zu Beginn unserer Fotorunde, teilt sich die Fabrik in den ursprünglichen Alt- und einen rekonstruierten Neubau. Während sich auf der einen Seite ein heller, moderner Raum befindet, der dem Denkmalschutz als Büro dient und uns heute als Aufenthaltsraum, öffnet sich mir auf der anderen Seite ein müstisch dunkler Blick in längst vergangene Zeit. Ein geheimnisvoller Schreibtisch im Dämmerlicht, mit aufgeschlagenem Buch und ich erwarte fast, das ein Herr mit Kneifer und Füllfederhalter, dort jeden Augenblick seine Aufzeichnungen über diverse Schräubchen fortführt.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 10

Die Zeit macht abrupt einen Sprung zurück ins frühe 19. Jahrundert, in dem hier noch rege Betriebsamkeit herrschte. Mein Herz macht ebenfalls Sprünge, jetzt bin ich hellwach und entdecke schon hier im Kontor so viele, (für mich zum Glück) untechnische Details, das ich im Kopf schon fotografiere, noch ehe ich die Kamera ausgepackt habe. Das wird garnicht schwer hier, revidiere ich frohgelaunt meine Meinung von vorhin. Ich bin schlagartig verzaubert und Fotofieber erfasst mich.

Der Rest der Fotogruppe, der nun eintrifft und seine ebenfalls sichtliche Begeisterung lauthals kund tut, zerstört den ersten Zauber wieder. Aber nur ganz kurz, denn die Fabrik scheint auf alle anderen Fotografen genau, wie auf mich zu wirken. Kaum angekommen, hat es plötzlich jeder sehr eilig ans Werk zu gehen, oder besser gesagt in die Farbik hinein.
Keiner hält sich lange mit Vorreden auf. Kameras werden gezückt, Stative montiert und das Projekt Lost Places startet.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 31

Das ist die Tür, durch die wir alle mit großen staunenden Augen treten. Und mir kommt wieder der Gedanke an das Weihnachtsfest in den Sinn, ich kann es euch nicht erklären, aber dieser seltsame Gedankenmix hält kurioser Weise die ganzen Stunden über an, die wir in der Schraubenfabrik verbringen. Freudig strahlende Menschen im Lichterglanz der Schraubenfabrik, wer hätte das gedacht.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 14

Es ist fazinierend und irgendwie unheimlich zugleich. Durch die hohen Fabrikfenster fällt schwaches Tageslicht und die gelben Lichtkegel, die der besseren Besichtigung der einzelnen Geräte dienen, setzen kleine warme Glanzpunkte ins tiefe Schwarz der Maschinen. Lichterglanz in der Schraubenfabrik, schon in diesem Moment habe ich den Titel für den heutigen Blogeintrag. Das Licht ist, wie zu Beginn schon vermutet nicht optimal, nein, es ist einfach perfekt. 😉

Der Maschinenpark, der sich uns in diesem warmen Leuchten präsentiert ,umfasst ca. 45 Werkzeugmaschinen. Und man hat das Gefühl, die damaligen Arbeiter sind nur für eine kurze Mittagspause aus den Räumen gegangen und kehren gleich zurück. Alles steht und liegt, wie es 1990 verlassen wurde. Es ist unfassbar, vor langen 26 Jahren verließen die Fabrikarbeiter tätsächlich diese Säle, für immer und seit dem ruht hier die Zeit.
Immer wieder bleibe ich einfach kurz stehen, halte mich an meinem Stativ fest. Ich bin überwältigt von den Bildern, die vor mir liegen und der Tragweite dieser Zeitspanne. Die Gedanken drehen sich in meinem Kopf, während meine Augen immer wieder neue Runden durch dieses Wunderwerk an Mechanerie drehen.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 32

Ich kann es rückblickend garnicht mehr sagen, aber wir waren allesamt, von einem auf den anderen Augenblick wie gebannt in diesen Hallen. Jeder Einzelne hat sich in den Blick durch den Sucher vertieft und als hätten wir es abgesprochen, verteilten sich die Fotografen zwischen den Maschinenreihen. 11 Menschen, 3 Frauen und 8 Männer,  bestückt mit Kamera, Stativ und Blitzgerät fügen sich fast unsichtbar in diese Szenerie aus Dreh-, Fräs-, Bohr- und Schleifmaschinen ein.
Konzentriert und leise agiert jeder für sich, versucht abertausende Details heraus zuarbeiten und das Herz der Fabrik, das für diese wenigen Stunden, durch uns wiederbelebt wird, zu fotografieren. Alles verläuft in Ruhe und Harmonie, man hört nur hin und wieder das kurze Klicken eines Auslösers. Manchmal durchzuckt für Bruchteile von Sekunden ein Blitzlicht den Raum, dann ist es wieder still. Es braucht keine Worte um sich zu verständigen.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 4

So vergehen die Stunden wie im Flug und immer wieder lassen sich neue Motive entdecken. Ich bin wie im Rausch, bemerke weder den starken Geruch von Maschinenöl, noch die zähe Schmiere auf den Rohren. Ich achte nicht auf Staub und Messingspäne, die überall, aber auch überall herum liegen. Die Folgen dieser Unachtsamkeit werde ich erst später auf der Heimfahrt an meinen Hosenbeinen wiederfinden. Im dezenten Licht der modernen Lampen glänzen die Messingspäne aber so schön, da kann man schon mal in die Knie gehen, wißt ihr !?
Diese Lampen sind, bis auf das rekonstruierte Fabrikdach, das Einzige, was die Neuzeit hier einbracht hat. Und selbst das hat seinen Reiz, alte und neue Lampen hängen in friedlicher Nachbarschaft nebeneinander. Sie konkurieren nicht. Jeder kennt seinen Wert.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 15

Irgenwann wird mir aber trotz der maroden Pracht in den Hallen, der Staub und Dreck bewußt, der seit  Jahren auf den Maschinen lagert. Ich schmecke sogar Maschinenöl auf meinen Lippen, doch es stört mich nicht. Nein, ich kann sogar nicht umhin, diesen Glitzerstaub zu berühren, ihn zwischen den Fingern zu zerreiben und ich bin erstaunt, wie trocken und warm er sich anfühlt.

Golden glänzender Weihnachtsstaub….oh ich weiß, was ihr jetzt denkt. Und ihr habt Recht, mitunter geht meine Fantasie mit mir durch. Aber das ist okay, wir kennen uns gut, meine Fantasie und ich. 😉

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 13

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 3

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 2

Ich drehe immer wieder neue Runden durch die fast unberührten Maschinensäle dieses einzigartigen Industriedenkmals. Es gibt so viel zu entdecken.
Alte Deckel von Metallschachteln werden zu Kunstobjekten und eine rostige Ölkanne räkelt sich, wie ein Model vor mir auf einer Werkbank. Unzählige Stilleben, immer wieder neu, immer wieder anders und sie warten nur darauf von uns abgelichtet zu werden.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 17

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 16

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 5

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 1

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 23

Diese marode Schönheit erscheint mir plötzlich unwirklich, als ich auf einer Tafel lese, das hier im 1. Weltkrieg Teile für Maschinengewehre gefertigt wurden und mit Beginn des 2. Weltkrieges ganz auf die Rüstungsindustrie umgestellt wurde. Mich schauert es leicht bei dem Gedanken, das ich all diese Maschinen jetzt so schön finde.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 29

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 22

Und bei diesem „Perfectos“ Zauber von schmierigen Bürsten zwischen stillgelegten Drehmaschinen und leeren Werkzeugregalen verliere ich völlig das Gefühl für Raum und Zeit und bin ziemlich erschrocken, als ich eine Tür öffne und dahinter…

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 30

…einen Menschen entdecke, natürlich einen Fotografen. 😉

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 24

Er steht hinter seiner Kamera, völlig dem Charme dieser Fabrik erlegen und in sein Motiv verliebt.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 25

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 27

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 36

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 37

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 26

Nach gefühlten 1000 mal auslösen der Kamera, bin ich irgendwie erschöpft und nicht mehr in der Lage, noch mehr Eindrücke aufzunehmen. Es ist plötzlich kalt hier, ich spüre wie das Knipseradrenalin langsam nachlässt.
Schnell wird Reihe 4 bis 6 im Kontor noch abgelichtet und noch ehe einer von euch fragt: “ Wo bitte schön, sind die Schrauben in der Schraubenfabrik zu sehen?“, abschließend auch davon noch ein Bild.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 8
Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 6

Dann nehme ich Stimmengemurmel wahr und höre, das auch die anderen Fotografen, sich aus der stillen Verzauberung des Maschinenparks lösen. Man tauscht erste Ergebnisse aus, redet über Kameraeinstellungen und Beleuchtungsmittel. Selbst ein faszinierter Fotograf ist irgendwann gesättigt, glaubt mir.
Es drängt uns schon einerseits, dieses und jenes doch noch schnell zu fotografieren. Die Möglichkeit sich hier auszutoben, wird sich uns nicht gleich wieder bieten. Andererseits macht sich allgemeine Erschöpfung breit und mit dem letzten Blick in die Geheimnisse eines alten Geschäftsbuches im Kontor, schließt sich der Kreis, wo er begann.

Schraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 11
Genug ist genug und  so sind wir am Ende des Tages alle sehr glücklich und zufrieden.

Alte Schrauben, Lichterglanz und golden schimmernde Messingspäne.
Das war ein erfolgreicher Ausflug. Und seelig, wie kleine Kinder tragen wir unsere Schätze auf den Speicherkarten nachhause.

Damit lösche ich nun das Licht in der Zehner Schraubenfabrik und hoffe, ich konnte euch auch ein klein wenig verzaubern mit dem Lichterglanz in alten Mauern.

Gute Nacht und einen schönen gemütlichen Lichtl-Advent morgen, wünscht euch

silvia bürger-fotografieSchraubenfabrik Saalfeld-Fotografie Silvia Bürger bild 19

Comments: 2

  1. Nicole says:

    Was für wunderbare Fotos!
    Ganz feine Stimmungen hast Du eingefangen!!

    Liebe Grüße,
    Nicole

    • Silvia Bürger says:

      Vielen Dank Nicole für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, daß dir die Bilder gefallen.

      Liebe Grüße zurück
      Silvia

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.