Dankbarkeit-Fotografie Silvia Bürger Bild 6

Einfach auch mal dankbar sein.

Für Gesundheit.
Für die Menschen, die uns lieben.
Für die vielen Dinge, die uns selbstverständlich erscheinen.

*

Ich wollte euch vor Wochen schon eine kleine neue Fotogeschichte schreiben, von ein paar wunderschönen Stunden an einem zugefroren See mit sanften Sonnenstrahlen und von einer Spur von Hoffnung.
Ich wollte euch von meinem 2. Fotospaziergang in diesem Jahr erzählen und ich wollte die Geschichte gleich an dem Abend noch in Worte fassen, ehe dieses glückseelige Hochgefühl wieder in den Tränen des Alltags untergeht. Doch, wie sooft in den letzten Wochen,  blieb mir letztlich weder die Kraft, noch die Zeit zum Schreiben.
So endete alles in einem Anfang, in ein paar ersten zaghaften Zeilen, in kleinen losen Bruchstücken von den geschenkten Stunden, in dem mißglückten Versuch endlich mal wieder eine Geschichte schreiben zu wollen.

Das Ende von diesem Anfang liegt nun lange Wochen zurück. Wochen in denen ich unter größter Anstrengung immer wieder versucht habe, diese Geschichte in den Blog zu bringen. Wochen in denen ich in jeder freien Minute erneut beginne, aber immer wieder aufhören muss, weil die Zeit einfach nicht ausreicht, um meine wirren Gedanken auszuformulieren, weil immer wieder neue Sätze mein Hirn überfluten, weil mein Herz immer wieder in riesigen Wogen aus Angst und Sorge um meinen krebskranken Vater versinkt.

Nicht selten stehe ich am äußersten Rand der Verzweiflung….

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Jetzt sehe ich diese wochenalten Gedanken vor mir flimmern, auf dem Bildschirm, als wollten sie mich auslachen und ich versuche wieder, den Faden aufzugreifen, um heute… endlich ….die Geschichte zum Ende zu bringen. Um meinem Herzen endlich den Raum zu schaffen, in dem es aufatmen kann, ehe ich an den tausenden von ungeschriebenen Wörten ersticke, die sich seit gefühlten  tausenden von Tagen und endlosen Nächten in mir angestaut haben.

Ich fange also noch einmal an, bei diesem Sonntag, der mir ein paar köstliche Stunden freie Zeit geschenkt hat, an dem ich etwas mutiger in eine Zukunft geblickt habe, von der ich weiß das, sie meinem Vater nicht mehr bleibt.
Es war ein einzig freier Tag und er begann unerwartet mit Sonnenschein.  Zwei Tatsachen, die auf den ersten Blick ganz selbstverständlich erscheinen, die es jedoch nicht sind. Und schon garnicht,  wenn man plötzlich vor der Aufgabe steht, dem einzigen Mensch Halt und Stütze sein,  der einen selbst sein Leben lang getragen hat. Wenn die Rollen sich tauschen, wenn man als Kind zum Verantwortlichen wird und ein kranker alter Mann die Fürsorge und Liebe eines Kleinkindes benötigt.

Es war ein Sonntag am See, der kurz den immens Druck von meinem Herzen genommen hatte, so das ich endlich wieder Schönes um mich herum wahrnehmen und auch mal wieder fotografieren konnte. Etwas, das mir in so vielen Lebenslagen immer wieder sehr geholfen hat. Ich war sehr dankbar , das ich diesen Tag so erleben und genießen konnte. Dankbar für diese erholsamen Stunden am See, für meine Gesundheit, die mich spazierengehen ließ und für die Menschen, die mich lieben und mich in dieser schweren Zeit begleiten. Und ich empfand Dankbarkeit für die vielen winzig kleinen Dinge, die eben nicht selbstverständlich sind. Für diese fast greifbare Stille am See, die die wilden Schläge meine Herzens sofort beruhigt hat. Für die wärmenden Sonnenstrahlen, die auf der dünnen Eisdecke tanzten, für eine Hand die mich hält, wenn mir vor Freude fast schwindlig  wird und für den auffrischenden kühlen Wind zwischen den Gräsern, der meine Sorgen fort geblasen hat…. für diese kurze Zeit.

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Und noch während ich an dem Abend des kleinen Ausflugs, die ersten Zeilen schrieb,  wurde mir klar, das diese Dankbarkeit weit größer war, als das Geschenk dieses Sonntages und das mir das Bedürfniss, über diese Dankbarkeit zu schreiben, viel dringlicher war, als eine kleine banale Geschichte vom einem Nachmittag am stillen See.
Diese wenigen Stunden in der ruhenden Natur hatten mich mit soviel neuer Kraft belebt , das ich diese Dankbarkeit als Heilung im Herzen intensiv nachspüren konnte und die vielen schmerzlichen Tage der Traurigkeit und Sorge um meinen Vater ein klein wenig loslassen konnte .

Nun sind die Wochen vergangen seit jenem Abend und ich schreibe noch immer an der Geschichte. Man könnte fast sagen, ich schreibe an einer Geschichte zur Geschichte. Im Grunde hätten es drei Geschichten werden müssen, eine vom See, eine von Dankbarkeit und eine vom Leid meines Vaters. Aber mir blieb keine Zeit und dann kam alles durcheinander.
Ach, ich weiß nicht…ich weiß nur, das ich sie endlich fertig schreiben muss, diese Geschichte, um Frieden zu finden. Denn wenn ich vor Tagen noch glaubte, das ich euch irgendwann, irgendwie später vom See schreiben werden. So weiß ich jetzt genau, das ich diesen Tag so, wie ich ihn erlebt habe, nicht in Worten zurückholen kann. Leider.

In meinem Kopf drehen sich die Erinnerungsfetzen mit solch einer rasanten Geschwindigkeit, das ich immer wieder beim Tippen stoppen muss, um mich neu zu orientieren.  Ich habe in zu kurzer Zeit einfach zu viel erlebt. Zu viele Bilder im Kopf, zu viele Gedanken, Sorgen und Ängste und selbst jetzt, während ich wieder versuche zu schreiben, gerät alles durcheinander.

Ich sehe mich an einem Nachmittag in der Wohnung meines Vaters. Er liegt schweratmend in seinem großem Fernsehsessel und schläft, während ich auf dem Laptop meine ersten Sätze zur See-Geschichte anstarre. Wie lange ist das her ?!
Durch das Fenster des Wohnzimmer fallen ein paar Sonnenstrahlen, streicheln meinen Vater und ich beobachte, auf der Suche nach Worten , seinen schwachen Atem.  Ein kaum wahrnehmbares Heben und Senken seines Brustkorbs. Der Raum ist von ebensolch friedlicher Stille erfüllt, wie der Tag am See und mein Herz wird auch hierbei von Dankbarkeit durchflutet, das mein Vater noch atmet. Immer wieder gab es Tage, an denen ich fast wahnsinnig vor Angst geworden bin, weil ich dachte,  ich verliere ihn im nächsten Moment.
Ich schaue liebevoll in dieses eingefallene Gesicht, das mir so vertraut ist und doch durch diese schwere Krankheit so fremd. Der Krebs hinterlässt seine Spuren immer deutlicher. Und bin für ein paar Augenblicke lang sehr dankbar dafür, das der Schlaf meinem Vater einen kurzen Frieden schenkt.

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Dankbarkeit….mein Gott, was ist das eigentlich, frage ich mich, als ich meine Augen wieder auf den Bildschirm richte.

Google sagt, Dankbarkeit ist ein positives Gefühl. Sie ist eine Art der Lebenshilfe ,eine Liebeserklärung an das Leben.
Eine Art der Lebenshilfe!? Ein positives Gefühl ?!
All das bräuchte ich jetzt…  ganz, ganz dringend und ich wünsche mir sehnlichst, das die Dankbarkeit mir eine stützende Brücke baut, bis an das Ende des Weges, den wir noch vor uns haben, mein Vater und ich.

Später verschwindet die Sonne, die meinem Vater gewärmt hat und vor dem Fenster jault statt dessen ein stürmischer Wind. Diese ständigen krassen Gegensätze und Wechsel, die uns seit Wochen auf und nieder reißen, sind schwer zu verarbeiten.
Meine Gedanken kehren mit dem Wind zu den vergangenen harten Tagen zurück, zu den Tagen, an denen in mir selbst ganze Orkane gewütet haben, in denen ich um Hilfe für meinen Vater gekämpft habe.
Mir ist dabei so unfassbar viel Elend, soviel Schmerz begegnet ist. Ich denke an die nüchteren Krankenzimmern, in denen ich soviele Tränen geweint habe, zwischen Hoffnung und Zweifeln. An die eisige Kälte,denke ich, auf die ich immer wieder gestoßen bin, bei der Suche nach Unterstützung gegen die Krankheit meines Vaters. Da lagen Berge von Bürokratismus vor uns, ganze Gebirge von Komerz , da fand sich so wenig simpler Menschenverstand . Ich musste so viel Ungerechtigkeit ertragen, das es mich manche Tage förmlich sprachlos gemacht hat  und ich nicht einmal mehr weinen konnte.

Was ist das nur für eine Welt, in der der Mensch, dem Menschen nicht hilft ?!

Und trotz all dem erbitterten Kampf und durch die gewonnene Energie dieses einen freien Sonntags am See, bin ich heute unendlich dankbar dafür, das mein unbeirrbarer Glaube an das Gute im Menschen, mein kleines Herz behütet hat und mich diese brutalen Erfahrungen nicht mit Wut und Zorn vergiften konnten.

Man hat uns mit all den Widrigkeiten der Krankheit einfach in Leere stehen gelassen, aber wir waren zum Glück nie ganz allein, mein Vater und ich.

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Und aus diesem Grund möchte ich einfach nur mal dankbar sein, für diese vielen winzigen Tröpfchen des Zuspruchs und der Hilfe, die fast täglich in mein Herz getröpfelt sind, wie ein warmer Sommerregen. Regen der mich mit Mut durchtränkt hat,um auszuhalten und zu überstehen.
Für diese unzähligen Momente, in denen mir liebe Menschen gezeigt haben, das sie an mich denken. Das ihr hier meine Geschichten und Bilder vermisst habt, und ihr in Gedanken bei mir geblieben seid. Auch wenn keine neue Bilder zusehen waren und keine Geschichten geschrieben wurden und obwohl keiner wissen konnte, warum beides fehlte.
Ihr habt mir damit zu Mut und Kraft verholfen und mir beigestanden.
Und ich sage jetzt DANKE für die Tage, an denen ihr mir Briefe, Mails und Nachrichten geschickt habt bzw. nicht geschickt habt in Rücksicht auf meine Situation. Ich habe alles in tiefer Dankbarkeit und Wärme in mich aufgenommen, auch wenn ich meistens nicht darauf reagiert habe.
Die Zeit ist so unglaublich knapp und kostbar dieser Tage, ich durfte sie nicht verschwenden.
Und heute, in einer kurzen Phase des Aufatmens, bei einer hoffnungsvollen Rast auf unserem schweren Weg, möchte ich euch von ganzem Herzen dafür danken. Die Kraft dieser scheinbar unscheinbaren Hilfeleistung ist nicht in Worte zu fassen.

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Danke für: die rückhaltlose Unterstützung meiner Familie, immer und zu jeder Zeit, in jeder Lage.

Danke für: für die selbstlose nachbarschaftliche Unterstützung. Für die scheinbar kleinen Wege, die mir bei großen Aufgaben so viel geholfen haben.

Danke für:  Eine kleine Karte im Briefkasten auf der in schön geschwungener Handschrift einfach nur steht:
“ Ich denk an dich und wünsche dir viel Kraft. „

Danke für: ein zufälliges Gespräch auf der Straße, eine sehr intensive Begegnung, bei der mir zärtlich eine Träne von der Wange gewischt wird, von einem Mann, den ich kaum kenne, aber mit mir fühlt,  weil er Gleiches in seiner eigenen Familie durchlebt hat.

Danke für:  den Anruf einer lieben Freundin, der mich mit sanfter Stimme mahnt: Verliere deinen Glauben nicht!

Danke für: einen Job, der mich wenigstens für ein paar Stunden am Tag, an eine Art der Normalität glauben läßt.

Danke für: Hunderte von Smiles und Herzen, für die kleinsten Zeichen der moralischen Unterstützung.

Danke für: das liebe Kunden aus Verständniss für meine derzeitige Situation, auch mal ein paar Tage länger auf ein Holzbild warten und dafür, das sich Kunden überhaupt an meine Holzbilder erinnern, weil mir auch das unbeschreiblich viel Kraft schenkt.

Einfach ein dickes Danke an euch alle, die an mich gedacht haben und es auch weiterhin tun werden.

Und danke…danke für die Zeit, die mir und meinem Vater noch bleibt. Auch wenn sie oft schwer und noch öfter traurig ist….es ist unsere letzte gemeinsame Zeit.
Und ich bin besonders dankbar für die Tage, an denen es ihm etwas besser geht und die seltenen Momente in denen er lächelt, fast so wie  früher als der Krebs unser Leben noch nicht beherrscht hat und als seine über alles geliebte Frau noch bei ihm war.

*

Ich habe mich in den letzten Wochen oft gefragt, was wohl leidvoller ist, an einer Krankheit zu sterben oder angebrochenem Herzen! ?

Jetzt kenne ich die Antwort und ich bin von daher um so dankbarer, für die Menschen, die mich lieben und denen auch ich meine Liebe schenken kann.

Mit ganz besonders lieben Grüßen an euch alle und dem positivem Gefühl der Dankbarkeit, wünsche ich euch einen wunderschönen Sonntagsilvia bürger-fotografie

Genießt eure Zeit.

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2 thoughts on “Einfach auch mal dankbar sein.

  1. Silvia Bürger says:

    Meine liebe Heidi, du hast Worte gefunden und ich danke dir dafür. Das ihr da seid, tut mir so gut.
    Ich drück dich Silvia

  2. Heidi Mattes says:

    Jetzt sitze ich hier liebe Sylvia und such nach Worten die ich einfach nicht finde.
    Mit Tränchen in den Augen und denoch voller Ruhe und Dankbarkeit…
    Ich denke an dich und deinen Vater. An deine Kraft und seine Gebrechlichkeit…
    Dankbarkeit für die wenigen Dinge die bleiben…
    Eine Gabe die nur wenige Menschen im Herzen tragen. Ich wünsche dir dass du sie bewahren kannst und sie dir in dieser schweren Zeit den Mut gibt weiter zu machen und den Glauben an die Menschen nicht zu verlieren.
    Liebe Grüsse
    Heidi

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