Jahresrückblick 2017-Fotografie Silvia Bürger Bild 11

Anfang und Ende

Jahresrückblick 2017.


Zweitausendsiebzehn-was für ein Jahr!? Fotografisch ein schwaches Jahr und im Privaten sehr hart. Emotional war es eine nicht endenwollende Talfahrt und wenn es mal bergauf ging, dann nur ganz seicht. Meistens waren die vielen Steinen, die mir 2017 in den Weg gelegt wurden, viel höher als die vermeintlichen Höhen.

Jahresrückblick 2017-Fotografie Silvia Bürger Bild 1

Mein Jahr 2017 beginnt wenige Minuten nach den ersten Pöllerschüssen auf dem Balkon eines Altneubaublocks, in der Wohnung meines Vaters.
Wir halten beide kleine Wunderkerzen in den Händen und schwingen sie fröhlich in die sternenklare Nacht. Lächelnd singt er ein Lied der Höhner: „Die Karavane zieht weiter, der Sultan hat Durst. “ und als er wenig später auch noch ein zweites Lied anstimmt und jubelt : “ Da simmer dabei, dat is prima!“, ist es wie in guten alten Zeiten und es zerreisst  mir fast das Herz. Er war immer ein so lustiger Mensch, einer der gern gefeiert und andere zum Lachen gebracht hat.
Nachdem das Glitzern der Wunderkerzen erloschen ist, nehme ich ihn in die  Arme und streichle ihm zärtlich über die schmächtigen Schultern. Viel hat der Krebs nicht mehr an ihm gelassen.
Wir trinken dennoch oder gerade deswegen auf ein gutes neues Jahr. Auf ein besseres, wie immer das gehen soll?!
Wir geben uns tapfer an diesem Silvesterabend, wir wollen nach vorn schauen.

Doch wir wissen beide, die guten alten Zeiten vorbei sind!

Jahresrückblick 2017-Fotografie Silvia Bürger Bild 2

Was wir an diesem letzten Tag des Jahres 2016 nicht wissen ist, wie unsagbar schwer es noch für uns beide werden wird. Hätten wir etwas anders gemacht, wenn wir es gewußt hätten ?

Wir ignorieren tapfer das zu unserer trotzigen Silvesterfeier eine Person fehlt, um in strahlender Heiterkeit das neue Jahr zu begrüßen.
Wir feiern ohne meine Mutter, seine über alles geliebte Frau, 65 Jahre lang.
Der Sommer 2016 hat sie uns genommen und eine Leere hinterlassen, die wir nicht in Worte fassen können, geschweige denn mit dem Verstand begreifen. Sie ist fort, so plötzlich aus dem Leben gerissen, das ich mich oft dabei erwische, zu denken, sie käme gleich aus der Küche zu uns herüber und würde mit uns anstoßen. Es ist immer noch unwirklich, erst vier Monate her. Sie ist nicht mehr bei uns und hat das Lachen mitgenommen, mein Vater ist ohne sie kein Ganzes mehr.
Wir haben schon 2016 auf ein besseres Jahr gehofft. Hatten wir nicht erst im Herbst 2015 meinen jüngeren Bruder verloren !?
Hatten wir nicht endlich eine Pause verdient, ein kleines bisschen Glücklichsein?!

Wir prosten uns zu, die Gläser klingen und in ihrem Klang schwingt all unsere Hoffnung mit.  „Auf ein gutes, ein gesundes neues Jahr 2017, lieber Vati!“ und wie um den Wunsch noch einmal zu bestärken, füge ich hinzu, : „Es muss jetzt einfach besser werden!“

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Heute nun geht auch 2017 zu Ende, ein  Jahr in das wir wieder soviel Hoffnung gesteckt hatten. Wir hatten nicht den Ansatz eines Plans, wie sich diese Hoffnungen erfüllen sollten, aber ich hatte es mir so sehr gewünscht, für meinen Vater und mich.
Leider es gibt Dinge im Leben gegen die ist der Mensch einfach machtlos. Man kann nur weiterleben, indem man diese Schicksalsschläge annimmt und das ist oft eine schier unerträgliche Last.

Wenn ich heute zurück blicke, habe ich das Gefühl zwei Leben zeitgleich gelebt zu haben. Mein Leben, obwohl ich es oft suchen musste in all den Wirren, von Tränen und Schmerz, mein eigenes Leben und das meines Vaters. Ich habe Tag für Tag für und mit meinem Vater gelebt. Ich habe mit ihm gegen den Krebs gekämft, gegen Behörden, mit Pflegediensten versucht Linderung zuschaffen oder wenigstens ein menschenwürdiges Ende. Wir haben mit der Palliativversorgung gehadert und die so seltenen Stunden der liebevollen Erinnerung an schöne Zeiten geteilt.  Jede Minute Normalität habe ich genossen, jedes zaghafte Lächeln, hinter all dem Schmerz, jeden winzigen Augenblick, in dem mein Vater, noch er selbst sein konnte, wie in guten alten Zeiten. Es gab nicht mehr viele solcher lichtvollen Momente für ihn.

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So verging der Winter und ein Frühling, der wider Erwarten nochmal die Hoffnung nährte, uns bliebe noch etwas Zeit und dann kam der Sommer 2017 und plötzlich war alles vorbei.
Wir hatten uns am Ende beide heimlich eine Erlösung herbeigesehnt, immer öfter, weil es immer unerträglicher wurde und doch, wollten wir es beide nicht aufgeben, dieses Leben, das schon lange keins mehr war. Und als der Körper meines Vaters diesen Kampf verlor, erschien es mir irrational das es vorbei war. Alles!
Das Hoffen, der Kampf , das Leben meines Vaters und in meinem Herzen zerbrach etwas. 

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Eine Leere setzte ein, die mich lähmte. Es trieb mich nach dem Tod meines Vaters ziellos durch Tage, die nun leichter sein sollten, es aber nicht waren.  In meinem Kopf spülte es die Gedanken immer wieder vor und zurück, wie das Meer die kleinen Muscheln und die Kiesel. Diese ewig währende Reibung schmerzte.

Es ist vorbei! Ein Lebenskreislauf hatte sich geschlossen und meiner musste weitergehen. Doch wie nur? Wie füllt sich diese Leere wieder? Kann ich jetzt einfach so weiter machen?

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Mit tausend Fragen im Kopf stand ich Ende diesen Sommers vor einem Urlaub, den ich aus blankem Selbsterhaltungstrieb vor Monaten gebucht hatte und ich wußte nicht was ich damit  anfangen sollte. Ich war immer noch leer, müde und ausgebrannt. Ein Urlaub ist doch genau das richtige jetzt. Oder doch nicht !? Darf ich jetzt unbeschwert und heiter einfach weiter leben ? Mein Vater ist fort, meine Mutter aus dem Leben gerissen, nach dem mein Bruder ihr vorausgegangen ist….
Wieviel erträgt ein Mensch in so kurzer Zeit, habe ich mich oft gefragt, während mir das Meer den Sand unter den Füße wegspült und mir den Halt zu rauben droht. Kann man das überhaupt ertragen, ganz gleich in welcher Zeit ?

Die Erwartungshaltung an diese 14 freien Tagen waren zu hoch, als das sie glücklich enden konnten. Was macht mich überhaupt noch glücklich? Fragen, Fragen, Fragen und eine Suche, bei der ich eigentlich nicht wußte wonach.

Was findet man, wenn man nicht weiß wonach man sucht?

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Während ich jetzt die Bilder dieses Urlaubs in die Geschichte hier einfüge, wird mir klar, das ich mich selbst gesucht habe, um diese Leere zu fülle, um mich wieder zufinden, die Frau, die ich war bevor das alles anfing so weh zu tun. Ich wollte mein unverletztes Ich zurück, sorglos und unbeschwert. Ich wollte wieder glauben, das Hoffnung Berge versetzt und das Zeit alle Wunden heilt. Und ich wollte verdammt nochmal, das die Ostsee, meine Wunden heilt. Das sie mir wieder Licht, Luft und Sonne schenkt und alles bitte mit ganz viel Meeresrauschen und bitte sofort.
Aber diese zwei Wochen Urlaub hatten mich schmerzlich enttäuscht, denn so funktioniert das Leben nun mal nicht.

Alles ist vorbei, aber nichts mehr wie es war.

Ich konnte nicht finden, was ich so dringend brauchte, weil es nicht in mir war. Alles was blieb, war eine Fotogeschichte, die ich bis jetzt nicht schreiben konnte, so sehr Ich es auch wollte.
Ich hatte mir in den letzten Zeilen des Jahresrückblicks 2016  gewünscht, das ich bei Kräften bleibe und mehr Zeit für meine Ideen habe. Beides hat sich 2017 nicht erfüllt.
Zugegeben, nach diesem traurigen Sommer blieb mir Zeit, viel zu viel Zeit, aber meine eigene Gesundheit verließ mich nun plötzlich im Herbst und es blieb mir keine Kraft mehr. Mein Körper zog die Notbremse. Die vielen schmerzlichen Verluste in so kurzer Zeit, der schwere Kampf meines Vaters gegen den Krebs, hatten in meiner Seele tiefe Spuren hinterlassen. Eine Tatsache, die ich nur widerwillig zur Kenntniss nahm. Ich wollte nach alldem aufatmen und neu durch-starten und wurde stattdessen zurück geworfen.
Ich weiß heute noch nicht, wann diese Spuren verwischen und ob sie überhaupt irgendwann  gänzlich verschwinden.
Aber ich weiß, das ich nicht aufgeben werde, ich werde die Steine, die damit erneut auf meinem Weg liegen, überwinden oder ihnen ein ganz andere Balance geben. Ich muss nur achtsamer mit mir umgehen, das bin ich meinen Eltern und vorallem mir selbst schuldig.

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Ich werde weiter fotografieren, es wird weiter Holzbilder und Geschichten geben. Vielleicht von allem etwas weniger und vielleicht werde ich auch Prioritäten ganz neu setzen .
Es wird nicht einfach werden und es wird auch im neuen Jahr wieder Niederlagen geben, aber ich habe meine eigene kleine Familie die mich stützt und einen Mann der mich liebt. Das sind Geschenke, für die ich jeden Tag unendlich dankbar bin.

Ich habe 2017 viel verloren, aber ich bin nicht allein. 

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Wenn ich heute, am Silvesterabend, am Fenster meiner Wohnung stehe und draußen die Raketen mit ihren bunten Lichtern in den Himmel fliegen, dann werde ich in Gedanken fröhlich kleine Wunderkerzen schwingen und leise singen: „Die Karawane zieht weiter……“, und neben mir werden mein Vater, meine Mutter und mein Bruder stehen und ich werde ihnen zu prosten.

„Auf ein gutes, ein gesundes neues Jahr 2018, ihr Lieben!“ und wie um den Wunsch noch einmal zu bestärken, werde ich hinzufügen: “ Jetzt wird alles gut! “

*

Allen, die diese Zeilen bis zum Ende mit mir ertragen haben, danke ich von ganzem  Herzen. Ich weiß, sie sind schwer zu lesen und ich hoffe ihr verzeiht mir diese traurige Geschichte, aber ich musste mir das von der Seele schreiben. Was war soll im alten Jahr bleiben, das neue Jahr bringt neues Glück. 😊

Mit allem guten Wünschen für das neue Jahr

silvia bürger-fotografie

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